Geschichte der Landwirtschaft

Die Landwirtschaft war innerhalb der letzten 150 Jahre tiefgreifenderen Veränderungen ausgesetzt als in den tausend Jahren zuvor. Während zu Beginn des Jahrhunderts noch ca. 1,6 Milliarden Menschen die Erde bevölkerten sind es heute mehr als 4 Milliarden. Dieser exponentiellen Bevölkerungsentwicklung entgegengesetzt sank die Zahl der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft von nahezu 100% auf ca. 22% auf der Erde und 5% in der Bundesrepublik. Trotzdem sollte die früher unsichere Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zumindest für Westeuropäische Menschen heute nahezu unvorstellbar werden. Die Frage nach der Qualität der Lebensmittel hat die Frage nach ihrer Quantität in den Hintergrund treten lassen.

Aus Jägern, Fischern und Sammlern waren nach mehreren tausend Jahren seßhafte Bauern geworden. Sie betrieben bis ins 18. Jahrhundert hinein die Dreifelderwirtschaft, d.h. Wintergetreide, Sommergetreide und Brache wechselten sich ab. Der Boden war nach zweijähriger Bewirtschaftung nährstoffarm geworden und mußte sich während der Brache regenerieren. Die Bauern waren in dieser Zeit fast ausschließlich Selbstversorger, gaben ca. 1/5 an Staat oder Feudalherren ab und brachten nochmal soviel zum freien Verkauf auf den Markt.

Ein erster Fortschritt war der Anbau von Klee und Kartoffeln an Stelle der Brache. Das brachte Futter für das Vieh und mehr Nahrung für die Menschen. Wissenschaftliche Erkenntnisse über den pflanzlichen Nährstoffhaushalt und die Humusbildung im Boden durch Forscher wie Justus von Liebig und Albrecht Thaer schafften zu Anfang des 19. Jahrhunderts die Basis für eine gezielte Düngung der Böden. Zur gleichen Zeit wurden die ersten Zuckerrüben angebaut.

Die Fruchtfolge und die Düngung ergaben zusammen ein Potenzial, das den Ertrag bald vervielfachen sollte. Die steigende Pflanzenproduktion schaffte die Grundlage für mehr Vieh und beides zusammen eine gesicherte Basis für die menschliche Ernährung. Züchterische Erfolge bewirkten ein erhöhtes Leistungsvermögen der Tiere. Daneben lieferte die vergrößerte Tierhaltung wieder mehr Dünger. Die Ertragssteigerungen gingen Hand in Hand mit dem zunehmenden Nahrungsmittelbedarf einer schnell anwachsenden Bevölkerung in den Städten.

Der technische Fortschritt sollte neben der erhöhten Flächenproduktivität durch Züchtung, Fruchtfolge und Düngung auch noch die Produktivität der Arbeitskraft erhöhen. Die Produktionstechnik selbst hatte sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts kaum verändert. Pflug, Egge und Wagen waren bisher die wichtigsten Geräte für tierische Zugkräfte, ergänzt durch Hand-arbeitsgeräte wie Sense, Hacken, Karst, Gabeln, Rechen oder Dreschflegel. Eine verbesserte Landtechnik durch die Einführung von Drillmaschine, Kultivator und Dreschmaschine in Verbindung mit der Dampfmaschine ersetzte mehr und mehr Handarbeit durch Maschinenarbeit. Sie wiederum stellte neue Anforderungen an die Bodenbeschaffenheit. Die schweren Geräte brauchten trockene Böden und so kam die Erfindung der Dränagerohre aus England gerade Recht. Ihre Bedeutung für die Landwirtschaft wird von Historikern mit der Einführung der Buchdruckerkunst für die Verbreitung der Wissenschaften verglichen.

Das Gesetz der Realteilung, das den Erben eines Hofes gleiche Teile des Ackerbodens versprach, hatte eine starke Zersplitterung der Anbauflächen bewirkt und so wurden die Äcker in der Flurbereinigung wieder zu größeren Parzellen vereint, Wege errichtet und Dränagerohre verlegt. `Die rasche Industrialisierung, der steile Be-völkerungsanstieg, der vermehrte Nahrungsmittelbedarf, die neuen Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis, der Fortschritt der Technik, die Neuerungen aus England und den USA, die agrarpolitischen Maßnahmen wie z.B. Schutzzölle und noch einige andere Initialzündungen erwirkten von nur etwas mehr als einem Jahrhundert in der Landwirtschaft und in der übrigen Volkswirtschaft gemeinsam einen gewaltigen Umschwung, wie er, allerdings noch gewaltiger und in noch kürzerem Zeitraum, nach 1945 abermals zu erleben war.´ (Schaaf, Und wär nicht der Bauer..., 1983)

Nach Agrarwirtschaftlichen Rückschlägen infolge des 1. Weltkrieges und der Weltwirschaftkrise stieg die Produktivität wieder stetig weiter an und erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt vor Beginn des 2. Weltkrieges. Eine straff organisierte Agrarpolitik im nationalsozialistischen Regime hatte mit dem Ziel der Nahrungsmittelautarkie entsprechende Förderungsmaßnahmen und Gesetzgebungen eingeleitet, die die Versorgung der Bevölkerung bis 1944, kurz vor Kriegsende, gewährleistete. Erst im letzten Kriegsjahr trat die Versorgungskatastrophe ein und es dauerte 3-4 Jahre bis wieder von einer ausreichenden Versorgung der Bevölkerung gesprochen werden konnte.

Anfang der Fünfziger Jahre begann die Phase, die wohl als die stürmischste in der Geschichte der Landwirtschaft zu bezeichnen ist.

Verbesserte Züchtungen, erhöhte Nährstoffver-sorgung durch Mineraldüngereinsatz sowie Pflan-zenschutzmaß-nahmen durch den Einsatz von Unkraut- und Insektenvernichtungsmitteln haben die Erträge weiter steil ansteigen lassen.

Die Anbauverhältnisse haben sich stark verschoben. Das leichmechanisierbare Getreide nahm bundesweit bis 1980 auf fast 70% der Ackerfläche zu, während sich die Kartoffelanbaufläche um über 76% verringerte. Der Zuckerrübenanbau nahm stellenweise um 150% zu.

Der Schlepper verdrängte das Pferd von den Äckern und avancierte zur Allroundmaschine mit Hilfe derer die ganze Arbeitskette vom Pflügen über Saat, Pflege und Düngung bis zur Ernte vollmechanisiert wurde. Die immer weiter fortschreitende Landtechnik und das moderne landwirtschaftliche Bauwesen erwirkten immer höhere Erträge und größere Viehhaltungen bei gleichzeitig abnehmender Zahl der Arbeitskräfte.

Das Einkommen der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft stieg zwar an, konnte aber mit dem Einkommen in anderen Wirtschaftsbereichen nicht mithalten. Zudem war die Arbeitszeit erheblich länger. Mit zunehmendem Wirtschaftsaufschwung wanderten daher immer mehr Leute aus der Landwirtschaft ab um in den sich ständig ausdehnenden Wirtschaftsunternehmen einen einträglicheren Arbeitsplatz zu finden. Fast alle sozial vergleichbaren Schichten zogen an der Landwirtschaft vorbei.

Auf Druck des Bauernverbandes kam es 1955 zu Gesetzgebungen, die dem Bauern die Möglichkeit besserer Produktionsbedingungen, rationelleres Wirtschaften und damit verbesserte Einkommenschancen versprachen sowie eine soziale Absicherung gewährleisten sollten. Die wichtigsten Maßnahmen waren eine erneute Flurbereinigung, die Aussiedlung von Betrieben aus der Ortslage, die Althofsanierung sowie die Einführung einer Altersrente. Die weniger beengten Platzverhältnisse ermöglichten wirtschaftlichere Neubauten, die in der Regel mit einer Schwerpunktbildung bzw. Spezialisierung auf einen Viehzweig einhergingen.

Die verbesserten Produktionsbedingungen führten schon bald zu einer Marktsättigung, sowohl bei der Pflanzen- als auch bei der Tierproduktion. Seit dem ersten Butterberg in der BRD 1960 ist der Abbau von Überschüssen zu einem zentralen Thema in der europäischen Agrarpolitik geworden. `EG-weit werden heute Überschüsse zu festgesetzten Mindestpreisen und mit oft hohem Aufwand gelagert, ehe sie vernichtet, verwertet oder verbilligt auf dem Weltmarkt losgeschlagen werden können.´ (Riepertinger, Bauern in Bayern, 1992)

Unterschiedliche Lösungsvorschläge werden diskutiert: Extensivierungsmaßnahmen, Flächenstillegung oder Milchquoten spielen hier eine Rolle, ebenso wie der Bereich der nachwachsenden Rohstoffe als Ersatz für fossile Ressourcen.

Immer mehr Landwirte mußten aus mangelndem Eigenkapital für Neuinvestitionen, wegen zu geringer Wettbewerbsfähigkeit und wegen fehlender Hofnachfolge ihren Betrieb aufgeben. Zwischen 1949 und 1990 verringerte sich die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe in der ehemaligen Bundesrepublik von 1.647 Mio. auf 0.630 Mio. um 62%.

Text: Karl "Bruder vom KW" Kliem, 1995

Der Text wurde anlässlich der Einrichtung des neuen Hofladens 1994 verfasst. Die Gestaltung des Hofladens war ein Studienprojekt von Karl-Heinz Michael Kliem an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach.