Vom Stall direkt zum Kunden - FR 12.04.2017

12.04.2017 Kategorie: Huhn & Ei

 

Zu Ostern 2017 erschien folgender Artikel von Jutta Rippegather in der Frankfurter Rundschau.

 

Vom Stall direkt zum Kunden

Im Margarethenhof in Karben legen 60.000 Hennen Eier. Eine logistische Herausforderung aber nur zwei Prozent dessen, was die Rhein-Main-Region verzehrt.

Margarethenhof
Die weiße Lohmann-Henne ist eine ruhige Vertreterin ihrer Art. Auf dem Margarethenhof wird ihr der Schnabel nicht gekürzt. Foto: Rolf Oeser

Hinter dem roten Vorhang hat es die Henne besonders angenehm. Dort ist es abgedunkelt, auf dem Boden liegt eine weiche Gummimatte – „das ist so ähnlich wie im Nest“, sagt Bauer Karl Wilhelm Kliem. Von dort aus rollt das Ei über ein Förderband direkt in den Vorraum, wo zwei Männer es in Plastikhöcker legen, die keine Stunde später maschinell nach Größen sortiert werden. Ein Mitarbeiter packt die Eier ein, sodass sie noch am selben Tag den Kunden erreichen, das Geschäft oder den Hofladen.

Margarethenhof
Karl Wilhelm Kliem zeigt gerne seinen Hühnerstall. Foto: Rolf Oeser

Frisch und direkt vom Erzeuger – das sind die Vorteile, mit denen der Margarethenhof wirbt. Statt dem Kauf aus anonymer Produktion kann der Kunde hier einen Blick in den Stall werfen und Kliem Löcher in den Bauch zu fragen. Der gibt gerne Auskunft: „Das Futter bauen wir selbst an“, sagt er. Und: „Unsere Tiere sind so gesund, dass sie keine Medikamente benötigen.“

60.000 Legehennen zählt sein Betrieb in Karben-Kloppenheim im Wetteraukreis. 50.000 Eier fallen dort an. Täglich. Eine Henne kennt keinen Sonntag, keinen Feiertag. Das hört sich nach Riesenmengen an, der logistische Aufwand ist beeindruckend. Doch den Bedarf der Region kann Kliems Margarethenhof bei Weitem nicht stillen: „Wir decken gerade einmal zwei Prozent der Nachfrage im Rhein-Main-Gebiet ab“, sagt der 49-Jährige, der in zehnter Generation den landwirtschaftlichen Betrieb vor den Toren Frankfurts leitet. Eine weitere Expansion wäre durchaus eine Option. Doch angesichts des Siedlungsdrucks im Ballungsraum und der strengen Auflagen räumt er dem Bau eines fünften Stalls wenig Chancen ein.

Kliem steht zur Massentierhaltung. Seine Devise: „Es kommt nicht darauf an, wie viele Hennen gehalten werden, sondern ob sich das einzelne Exemplar wohlfühlt.“ Das sei auf dem Margarethenhof der Fall: Das Federkleid sieht proper aus, die Schnäbel sind nicht gekürzt und doch kommt es nicht zu Kannibalismus. Das, sagt der Landwirt, habe mehrere Gründe: Im Stall hängt ein Netz mit Salzpicksteinen, um die Vögel mit Mineralien zu versorgen und zu beschäftigen. Das Stalllicht ist leicht gedimmt. Und den Lohmann-Hennen ist die Aggressivität abgezüchtet worden. Manche sind so faul, dass man sie abends auf die Sitzstange hochscheuchen muss. Eine ruhige Rasse also, die es in weiß und braun gibt, deren Vertreter in Kloppenheim im Schnitt täglich 125 Gramm Futter zu sich nehmen und ein 63 Gramm schweres Ei legen. Ein Wunder der Natur, sagt Kliem. „Was für eine Riesenleistung.“

Margarethenhof
Saugnäpfe in der Anlage, wo die Eier nach Größe sortiert werden. Foto: Rolf Oeser

Als die Bundesregierung 2009 die Käfighaltung verbot, gaben viele Kollegen in der Nachbarschaft die Eierproduktion auf. „Man muss doch die Region beliefern“, dachte sich hingegen Landwirt Kliem und wählte den umgekehrten Weg. Nach einer Informationsreise in Nachbarländern entschied er sich gegen Freilandhaltung. Seine Tiere haben die Möglichkeit sich auf dem Boden aufzuhalten, auf Regalen oder auf Stangen. Das Huhn sei ein Fluchttier und fühle sich unter einem Dach wohler, sagt er. „Da hat es weniger Stress.“ Auch sei die Krankheitsgefahr geringer: „Draußen hat sich eine Henne schnell Salmonellen gefangen, etwa von Taubenkot.“

Der positive Nebeneffekt der Bodenhaltung: Als im November die Vogelgrippe die Branche aufschreckte, konnte Kliem relativ gelassen bleiben. Einzig für die 250 freilaufenden Gänse musste er die Maschinenhalle als Ersatzquartier ausräumen. „Nach kurzer Zeit haben sie sich daran gewöhnt.“ Trotzdem ist er angespannt. Sollte im Umkreis von drei Kilometern die Vogelgrippe nachgewiesen werden, müsse er den Eierverkauf stoppen. „Man hält schon den Atem an.“

Margarethenhof
Durchleuchtet: Tochter Sophie sortiert Exemplare mit Macke aus. Foto: Rolf Oeser

Das wäre ein Desaster für seine Familie, die knapp 60 Mitarbeiter und die Kunden, die in den Hofladen strömen. Die 30er-Kartons mit bunten Junghenneneiern finden reißenden Absatz. Diese kleinen Eier haben eine härtere Schale, weil eine Junghenne mehr Kalzium im Blut hat. Ein Bekannter Kliems holt die Eier ab und färbt sie, was im Übrigen die Haltbarkeit steigert. Auch bei den vom Margarethenhof belieferten 53 Rewe-Märkten leeren sich die Regale derzeit schneller als außerhalb der Osterzeit. Im Umkreis von 35 Kilometern sind die mit dem Landmarkt-Label kennzeichneten Eier in dem gelben Karton aus Kloppenheim erhältlich.

Jetzt, zur Hochsaison, packen alle mit an: Der Senior sowieso, auch die elfjährige Sophie hilft im Sortierraum ein wenig mit. Ob sie oder ihr kleiner Bruder Karl Vincent den Betrieb einmal weiterführen werden? Ihr Vater, bei dem ständig das Handy klingelt, sagt, er werde keinen Druck ausüben: „Das müssen sie selbst entscheiden.“